Terra Magnifica

Curriosum / Phantasia

Blick in die Unendlichkeit

Old Cinema

Paris

Gradwanderungen

Christin Lutze

Formen entstehen, fangen an sich zu verwandeln und verschmelzen in einer Bewegung. Erdige Farben und luftige Weite, gerade und geschwungene Linien verbinden sich zu architektonisch gestalteten Landschaften. Die Treppen der „Unsentimental Journey“  beginnen irgendwo und führen in surrealen Schwüngen, Kurven und Biegungen zielgerichtet ins Nirgendwo. Die  Spitzbögen einer verfallenen Kathedrale wirken wie eine überdimensionale Sonnenbrille, in der sich eine hügelige Landschaft spiegelt. Angedeutete Häuserzeilen wachsen vor Hügeln, hinter denen ein blass azurner Morgenhorizont rosa schimmert und einen warmen Sommertag ankündigt. Das Gelände ist menschenleer und scheinbar ohne Vegetation. Doch jedes einzelne Element atmet Leben.

Zwischen Wirklichkeit und Phantasie bewegen sich die Arbeiten von Christin Lutze und öffnen den Eingang in eine absurde Welt. Seit dem 11. Mai 2021 zeigt die FLEXIM Galerie eine Auswahl aktueller Werke der Künstlerin, deren meist großformatigen Leinwände mehr Aufmerksamkeit fordern, als nur einen flüchtigen Blick. Es gibt viel zu entdecken in den stilisierten Landschaften mit ihren surreal konstruierten Bauwerken und unerwarteten Perspektiven. Sie verführen dazu inne zu halten, einzutauchen und die eigene Phantasie spielen zu lassen.

Christin Lutze, Jg. 75, malt solange sie denken kann, Großmutter und  Mutter fördern ihr Talent, schenken ihr Farben und ermöglichen ihr Malkurse. Nach dem Abitur bewirbt sie sich an beiden Berliner Kunsthochschulen und wird sofort von beiden angenommen. Sie entscheidet sich für die Universität der Künste und schließt dort 2002 als Meisterschülerin von Prof. Marwan ab. Schon während des Studiums erhält sie Stipendien an Akademien in Venedig und Genf. Es folgt eine endlose Reihe von Ausstellungen, Arbeitsaufenthalten und Auszeichnungen im In- und Ausland. Ihre Werke  sind international gefragt und in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen aufgenommen.

Mit grobem oder feinem Leinen spannt, leimt und grundiert Christin Lutze ihre selbstgebauten Rahmen. Klar konturierte und voneinander abgegrenzte Farben entstehen durch dünnflüssig aufgetragene Lasuren in Eitempara und Öl. Abstufungen von Ocker, Gelb und Umbra, kontrastiert von zartem Grün und tiefem Ultramarin, dominieren ihre Bilder. Sie erinnern an die warmen Farben Italiens, dabei fühlt sich die Künstlerin mehr von den nördlichen Ländern angezogen. Bereits zwei Mal gewinnt sie längere Stipendien in Island und ihr großer Traum ist, Grönland kennen zu lernen.

Eckig ohne scharfkantig zu sein, wechseln Geraden und Winkel in kühlen Blautönen. Es entstehen verschachtelte Häusergruppen in dörflicher Umgebung mit menschenleeren, baumlosen Straßen und gewähren einen „Blick in die Unendlichkeit“.  Die Ideen wachsen beim Malen und öffnen den Eingang in eine Welt hinter der Wirklichkeit. Im Zentrum türmt sich ein hohes Gerüst, Wege führen durch ein absurdes Räderwerk und von Säulen getragenen Überdachungen. Darunter einzelne Gebäude, umgeben von Feldern im Miniaturformat, wiederum ruhend auf einer Konstruktion aus Industriebauten und Stelzen. Im Hintergrund eine stille tief azurblaue Wasserfläche, gesäumt von einer Bergkette am anderen Ufer. „Terra Magnifica“ wirkt wie eine Insel, die sowohl ländliches Idyll als auch Jahrmarkt zu sein scheint.

Es fordert einen monatelangen Prozess, die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten, bevor sie sich auf der Leinwand in Farben und Formen zu einem neuen Kunstwerk transformieren. Christin Lutze hält diesem innerlich aufgebauten Druck stand, bis er sich in emotional verdichteten Linien und Schwüngen farbig vibrierend materialisiert. Ihre stilisierten und surrealen Landschaften verharren reglos in jenem magischen Moment in dem die Zeit stillzustehen scheint. Doch in jedem Element pulsiert Energie. Das Werden und das Ergebnis verlangen gleichermaßen nach  Konzentration, fordern absolute Hingabe und erzwingen ein Verweilen vor dem Motiv um einzutauchen und immer wieder Neues zu entdecken. Der Blick bündelt sich, findet eine Balance und löst sich langsam, bevor er eine andere Perspektive und die Kraft in der Stille findet.

Text Sigrid Fontan